Berufsprotokolle: Himmeldarsteller

„Wie genau ich das mache. Tja. Ich spiele eben Himmel. Ich sitze oder stehe rum. Ich mache nicht viel. Ich bin, so sehr es mir möglich ist,echter Himmel. Ich bin immer Himmel, den ich bereits gesehen habe. Der Himmel, den ich darstelle, gibt es. Das will ich betonen. Aber ich packe schon ein bisschen Utopie oder Idee mit rein.Als ich anfing, Himmel darzustellen, spielte ich übrigens vorzugsweise schwere Himmel. Himmel, aus denen ein übles Schicksal zu regnen schien. Gefühlsbeladene, fast barocke Himmel. Jetzt bin ich Himmel, die älter wirken und erfahren. Und zugleich jung und nicht durch Übles beschwert. Wirklich beides. Und ich will immer einen Himmel darstellen, dem man zutraut, etwas aushalten zu können. Ich will ein kluger Himmel sein. Aber kein neunmalkluger. Ich versuche, Himmel darzustellen, die bescheiden wirken, aber zugleich das Potenzial, alles zu wissen in sich zu tragen scheinen. Himmel, die schon immer da sind, und auf immer da sein werden. Dieses Ewige fasziniert mich. Bei den Vorsprechen gebe ich mich, glaube ich, als lässiger Himmel. Sozusagenals lapidarer Himmel. Einmal war ich ein Himmel mit Text zum Sprechen. Ich habe mich dann als Berliner Himmel inszeniert. Ich war ein schnoddrig auftretender Himmel mit viel Herz, mit einer gewissen Härte und Schicksalsgeprüftheit. Als Himmelsdarsteller darf ich selber nicht wichtig sein. Vor ein paar Jahren habe ich den Fehler gemacht, in einer Fernsehsendung zu Gast zu sein. Ich sage jetzt nicht, in welcher, denn dann googeln das wieder alle, dann kommt wieder mein Gesicht ins Spiel, wird wieder bekannt usw. Wenn man mich sieht, wenn man sich nach einem Film absolut klar an mein Gesicht erinnert, habe ich alsHimmelsdarsteller versagt. Anstelle meines Gesichts sollte sich jeder Zuschauer optimalerweise an einen Himmel erinnern. An den Eindruck, dass da ein Himmel zugegen war. Als Himmelsdarsteller muss man vollkommen unambitioniert sein, was die Befriedigung der Eitelkeit angeht. Man darf einfach nicht eitel sein. Oder muss seine Eitelkeit aus der erfolgreichen Unsichtbarkeit befriedigen. Jedenfalls war ich kurz mit meinem Gesicht bekannt, und dann musste ich mich zurückziehen, musste eine Weile jobben, bis ich wieder als Himmelsdarsteller arbeiten konnte. So einen Fehler macht man nicht zweimal. Ich für meinen Teil will lieber ein unbekannter Mensch, aber dafür ein Himmel sein, an den man sich wie an einen möglichen echten erinnert.“

– Heike Geißler

Ganzer Text: Himmeldarsteller

5 Gedanken zu “Berufsprotokolle: Himmeldarsteller

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