Poesie

Erich Fried, einer meiner Lieblingsdichter. Seine Gedichte, Worte und Texte sind alles was man sich wünschen kann. Ich liebe jedes Einzelne und verbinde mit allen gewisse Momente, Erfahrungen und Erinnerungen. Sie sind für mich wie ein Stück Leben, dass sich mit der Zeit zusammensetzt und ohne sie würde mir etwas fehlen.

„Das Leben wäre vielleicht einfacher, wenn ich dich nicht getroffen hätte. Es wäre nur nicht mein Leben.“

Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können

tief ausatmen so dass man wieder einatmen kann

Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte

Und weinen können

das wäre schon fast wieder Glück

Totschlagen

Erst die Zeit
dann eine Fliege
vielleicht eine Maus
dann
möglichst viele Menschen
dann
wieder die Zeit

Durcheinander

Sich lieben
in einer Zeit
in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen
Und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden
Und doch
sich lieben
Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und versuchen nicht stumpf zu werden
Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen

Antwort

Zu den Steinen
hat einer gesagt:
seid menschlich

Die Steine haben gesagt:
Wir sind noch nicht
hart genug

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und deinem Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer.

 

Freiheit

Auf meine Schulhefte
Auf mein Pult und die Bäume
Auf den Sand auf den Schnee
Schreib ich deinen Namen

Auf alle gelesenen Seiten
Auf alle leeren Seiten
Stein Blut Papier oder Asche
Schreib ich deinen Namen

Auf die Heiligenbilder
Auf die Waffen der Krieger
Auf die Krone der Könige
Schreib ich deinen Namen

Auf den Dschungel und die Wüste
Auf die Nester auf die Ginsterbüsche
Auf das Echo meiner Kindheit
Schreib ich deinen Namen

Auf die Wunder der Nächte
Auf das Weißbrot der Tage
Auf die verlobten Gezeiten
Schreib ich deinen Namen

Auf all meine Fetzen Himmelblau
Auf den schimmligen Sonnenteich
Auf den frischen Mondsee
Schreib ich deinen Namen

Auf die Felder auf den Horizont
Auf die Schwingen der Vögel
Und auf die Mühle der Schatten
Schreib ich deinen Namen

Auf jeden Hauch Morgenrot
Auf das Meer auf die Schiffe
Auf das wahnsinnige Gebirge
Schreib ich deinen Namen

Auf das Moos der Wolken
Auf den Schweiß der Stürme
Auf den dichten faden Regen
Schreib ich deinen Namen

Auf die funkelnden Formen
Auf die Glocken der Farben
Auf die physische Wahrheit
Schreib ich deinen Namen

Auf die munteren Pfade
Auf die entfalteten Straßen
Auf die überquellenden Plätze
Schreib ich deinen Namen

Auf die Lampe die angeht
Auf die Lampe die ausgeht
Auf meine vereinten Häuser
Schreib ich deinen Namen

Auf die halbierte Frucht
Des Spiegels und meiner Kammer
Auf meines Bettes leere Muschel
Schreib ich deinen Namen

Auf meinen gefräßigen und sanften Hund
Auf seine gespitzten Ohren
Auf seine täppische Pfote
Schreib ich deinen Namen

Auf das Sprungbrett meiner Tür
Auf die häuslichen Dinge
Auf das Wallen gesegneter Glut
Schreib ich deinen Namen

Auf jeden sich schenkenden Leib
Auf die Stirn meiner Freunde
Auf jede gereichte Hand
Schreib ich deinen Namen

Auf das Fenster des Verwunderns
Auf die erwartenden Lippen
Hoch über das Schweigen
Schreib ich deinen Namen

Auf meine zerstörten Zufluchten
Auf meine zerfallenen Leuchttürme
Auf die Mauern meines Leids
Schreib ich deinen Namen

Auf die wunschlose Trance
Auf die nackte Einsamkeit
Auf die Treppenstufen des Todes
Schreib ich deinen Namen

Auf die zurückgekehrte Gesundheit
Auf die entschwundene Gefahr
Auf die Hoffnung ohne Erinnerung
Schreib ich deinen Namen

Und durch die Macht eines Wortes
Beginn ich mein Leben neu
Ich bin geboren dich zu kennen
Dich zu nennen

Freiheit.

– Paul Éluard

 

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