Menschlicher Inhalt

Das Schreiben viel mehr als ein Vergnügen, viel mehr als ein Bedürfnis, ist bis heute meine Wahrheit geblieben, mein einziger Schutz vor der Realität.

Hier veröffentliche ich Texte von mir selbst. Da ich nie zufrieden bin mit meiner Arbeit können sie sich laufend ändern bzw Worte hinzukommen und verschwinden. Größtenteils geht es mir hier auch darum einfach an ausgewählten Texten immer wieder zu arbeiten bis sich eine Art Zufriedenheit einstellt. Man ist gespannt.

Der Sturm

Als ich die Augen öffnete und ich das Geräusch zum ersten Mal hörte war ich mir nicht sicher was es war. Es fing ganz harmlos an. Ein leises Zischen, dass ich nicht einordnen konnte. Als ich meinen rechten Arm hob, war es als würde das Zischen lauter werden. Und siehe da, mit der Zeit wurde es stärker, mein ganzer Körper nahm es auf, als wäre es ein Teil von mir. Irgendwas in mir tobte und ich konnte mir es nicht erklären. Meine Hände wollten danach greifen, doch da war nichts. Nichts nachdem ich greifen konnte. Nichts als Luft um mich und ich fiel ins Leere. Alles Schwarz.Da war niemand. Niemand der das Toben sah, niemand dem es auffiel. Aber in mir war ein Sturm. Ein lauter Sturm. Ohrenbetäubend. Ich schaffte es nicht auf die Straße, ich hatte Angst der Sturm würde ausbrechen. Aus mir. Ich wartete gespannt auf das Gefühl. Doch es geschah nichts. Ich wollte schreien, laut. So laut, dass es auch die Menschen draußen sehen, doch es kam kein einziger Ton. Mein Körper war gelähmt und das Rauschen dieses Gefühls trieb mich weiter. Immer weiter. Die Straßen waren dunkel und kein einziger Lichtstrahl war zu sehen. Wie ausgestorben lag die Welt vor meinem inneren Fenster. Plötzlich merkte ich wie ein Zittern die Erde zum Beben brachte. Neben mir stürzten Häuser ein, Fassaden fielen zu Boden, Glasschreiben zersplitterten und ich stand da. Chaos. Nichts berührte mich. Nur ein Gedanke kam zu mir hindurch. Absurd. Dachte ich. Also hatte die Welt meinen Sturm schlussendlich doch bemerkt.

Den zweiten Text mussten wir fiktiv für eine wissenschaftliche Arbeit verwenden und ein Konzept sowie eine Fragestellung erarbeiten. Am Ende konnten wir uns aussuchen, ob wir ein einfaches Konzept niederschreiben oder es in einer kreativen Art als Traum oder Dialog umsetzen. Ich habe mich für den Traum entschieden und für das Stück „Romeo und Julia“ am Burgtheater 2013.

Es war dunkel um mich. Nur ein Schreibtisch war zu sehen. Die Stifte lagen am Tisch, nach ihrer Farbe und Artikelnummer geordnet. Alles war vorbereitet. Ich sah ein Schild mit den Worten „Bitte setzen Sie sich.“ Da ich nichts sehen konnte außer diesen Tisch, tat ich was mir befohlen wurde. Eine Stimme drang plötzlich aus dem Nichts. Sie war laut und angsteinflößend. Plötzlich wurde es hell. So hell, dass ich meine Augen für einen kurzen Moment lang schließen musste. Der Tisch war plötzlich verschwunden. Als ich sie zaghaft öffnete, sah ich Leute. Leute die da saßen und mich anstarrten. Ich war auf einer riesigen Bühne. Die roten Samtvorhänge auf den Seiten, die goldenen Verzierungen auf den Sitzreihen. Ja und mir wurde klar – es war eine Bühne dich ich nur allzu gut kannte. Ich hatte schon tausende Inszenierungen auf ihr gesehen, Menschen sterben, Menschen lachen, Menschen weinen sehen, mein Herz raste. Ich war auf der Bühne des Burgtheaters. Wie kam ich da bitteschön hin? Die Leute starrten wie verrückt und blickten erwartungsvoll in meine Richtung. Schweiß brach mir aus allen Poren. Ich schaute mich um. Ein riesen Glaskasten war aufgebaut und dann kam es mir, ich war in der Inszenierung von Romeo und Julia. Ich blickte an mir hinunter, okay alles gut tief ein und ausatmen, und ich hatte das Kostüm von Mercutio an. Wieso um alles in der Welt war ich Mercutio? Okay egal. Lets do this. Da ich das Stück gesehen hatte, würde ich das schon schaffen. Alles easy. Doch plötzlich kam ein älterer Herr auf mich zu und fragte mich, ob ich ihm meine Forschungsfrage erklären konnte. Er sah schwer nach Joachim Meyerhoff aus, aber vielleicht täuschte ich mich auch. Ich mein ich war Mercutio. Am Burgtheater. Das warf schon ziemlich viele Gründe auf, um an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Aber bitte, der Möchtegern – Joachim schaute schon ziemlich finster deswegen erklärte ich ihm, dass ich die Inszenierung Romeo und Julia am Burgtheater ausgewählt hatte, um den modernen Ansatz und die Theorien der Komik, sowie den Begriff der Intermedialität auf verschiedene Szenen zu analysieren, anzuwenden und zu erklären. Joachim war wohl zufrieden mit der Antwort, denn er schaute zufrieden ins Publikum, lachte und verschwand. Okay, nun war das also auch geschafft. Musste ich jetzt spielen oder nicht. Ich sah mich um. Es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Super. Die Leute im Publikum wurden schon unruhig. Doch als ich gerade mit meiner „Was-Tut-Man-Wenn-Man-Im-Burgtheater-Auf-Der-Bühne-steht-Impro-Show“ anfangen wollte kam plötzlich wieder eine Frage aus dem Nichts des Bühnenraums. „Und in welchen Schritten wollen Sie da genau vorgehen?“ Nicholas Ofczarek kam plötzlich aus dem Glaskasten heraus. Was machte der denn hier. Er war wohl nicht im falschen Film, sondern im falschen Stück gelandet. Aber da auch er nicht gerade den freundlichsten Ton an den Tag legte antwortete ich wieder. „Zuerst will ich die Handlung, Themen und Fragestellung kurz vorstellen, danach folgt das Kapitel „Komik und Lachen“ mit den Paradigmen des Komischen, hierbei wird die Inkongruenz Theorien, wie Gegensatz und Widerspruch analysieren. Darauf folgten die Elemente des Komischen, wie zum Beispiel Ironie. Plötzlich hörte ich einen Schrei „STOOOOPPP“ Der Herr Ofczarek war rot angelaufen und von der Bühne gestürmt. Es wurde ihm wohl klar, dass er im falschen Stück gelandet war. Tja. Und ich stand da nun, aber jetzt hatte ich endlich etwas was ich den Leuten mitteilen konnte, also erklärte ich einfach heiter weiter: „Als nächstes folgen Szenen Beispiele für die Absurdität und die Grausamkeit in verschiedenen Szenen – Danach folgen die Körperlichen Strategien des Komischen, wie groteske Körperlichkeit…“ Auf einmal kam Fabian Krüger auf die Bühne. Er fuchtelte grotesk mit seinem Degen herum und fluchte dabei wie ein echter Narr. Dann schrie er „Halts Maul“ ins Nichts und ging von der Bühne. Ich ließ mich nicht irritieren und machte weiter „Sowie Körperliche Automatismen…“ Plötzlich kam Julia auf die Bühne und erstickte fast an ihrem Gift, da sie es erst bei mehreren Wiederholungen schaffte es wirklich hinunterzuschlucken. Hm. Interessant.

Das Publikum johlte und war außer sich. Auch diese Einlage ließ mich kalt und ich fuhr fort „Danach will ich mich den drei Grundformen des Komischen widmen, wie zum Beispiel der Figuren und Typenkomik…“ Tybalt erschien plötzlich auf der Bühne. Er versuchte ein Gedicht zu reimen doch brauchte dafür gefühlte hundert Jahre, da er stotterte und nach jedem Wort tief ein und ausatmen musste. Es war echt nervig. Als diese Farce endlich vorbei war, nahm ich mir vor einfach ganz schnell alles hinter mich zu bringen, damit mich ja keiner mehr stören konnte. „Danach folgen Beispiele für die Situationskomik, Sprach und Wortkomik…“ Doch es half alles nichts. Romeo erschien und führte einen Monolog, da Julia anscheinend verhindert war. Vielleicht mit Paris irgendwo. Romeo sah ins Publikum und fragte mit hoher Stimme „Auf was schwörst du Romeeeo?“ Mit sich selbst zu reden ist jetzt anscheinend wieder in. Keiner antwortete. Wie überraschend. Nach einer kurzen Pause antwortete er sich selbst „Auf dich. Auf uns. Und auf meine Mudda“ und verließ die Bühne. Was für eine Lyrik in meinen Ohren. Das Publikum johlte abermals. Doch ich war noch nicht am Ende und ließ mich auch nicht von stotternden Tybalts oder schizophrenen Romeos abhalten. „Weiter geht es mit der Spieltheorie, hier sind Begriffe wie die Alea wichtig, da es hier um Überraschungen und Zufälle im Komischen geht, sowie die Aktionskomik. Am Ende will ich noch auf die Brechtsche Verfremdungstheorie eingehen, da diese die Intermedialität und Einbindung des Publikums thematisiert…“ Wieder kam jemand auf mich zu. Es war sowas wie ein Roboter, nur in Mittelaltergewändern, er fragte mich allen Ernstes welche Literatur ich denn für meine Arbeit verwenden will. Aber da die Situation eh schon so ziemlich fragwürdig war – wollte ich abermals antworten. Doch mir fiel nichts ein. Es war wie weggeblasen. Ein richtiges Black Out. Auf der Bühne des Burgtheaters. Das Horrorszenario wurde also doch noch wahr. Ich suchte nach Antworten in jeder Zelle meines Gehirns, doch da war nichts mehr. Kurz bevor ich hoffnungslos von der Bühne rennen konnte, hörte ich plötzlich etwas. Es kam aus der ersten Reihe. Ein Mädchen, um die 17 sagte zaghaft aber doch hörbar: „Jens Schröter“ ein Typ daneben vervollständigte ihren Gedankengang mit „Intermedialität“ Und es wurde mir klar. Sie sagten mir meine Werke. Sie taten es wirklich. Das nenn ich mal gekonnte Einbindung des Publikums. Und schon fielen mir alle drei Namen wieder ein, als hätte ich sie jahrelang auswendig gelernt „Jens Schröter, Intermedialität – Brigitte Müller Kampel, Komik und das Komische – Kriterien und Kategorien und Hans Ahlens Buch: Das Komische auf der Bühne. Versuch einer Systematik.“ So. jetzt war ich am Ende. Schluss. Aus. Die Zuschauer sahen mich an. Nach kurzem Zögern kam ein leichtes Klatschen von den hinteren Reihen. Und so zog sich das Klatschen weiter vor bis zu dem Mädchen, dass meine Literaturangaben wusste. Alle Schauspieler kamen auf die Bühne. Der stotternde Tybalt, Schizo-Romeo, die giftige Julia, der Narr Fabian, der alte Joachim und auch der wütende Nicholas Ofczarek ließ sich den Schlussapplaus nicht nehmen. Gerade als ich mich an das Szenario gewöhnt hatte ging das Licht aus. Alles war dunkel. So wie vorher. Ich sah den Schreibtisch. Die Stifte nach Farbe und Artikelnummer geordnet. Das Licht ging an. Nur der Tisch war zu sehen. Irgendwer fragte aus dem Nichts „Träumst du?“ Und plötzlich wachte ich auf. Ich war auf einem Spielplatz mit meinem Neffen. Er wollte gerade eine Sandburg bauen und ich war wohl kurz eingenickt. Aber auch hier antwortete ich noch ein letztes Mal: „Ja klar träumen wir, als ob wir eine andere Wahl hätten“.

Stille  

Ich. Alles wird hell um mich. Die Farben sind klar. Die Hitze brennt Löcher in die Wände. Es tropft und tropft und hört nicht auf. Der Klang der Tropfen bringt mich zum Gedanken zu springen. Hinaus in die Weite. So weit, dass ich es kaum noch erkennen kann. Das Ziel ist nah, doch wohin mit mir? Wohin springe ich? Wie weit? Werde ich fliegen? Werde ich fallen? Werden die Sekunden schnell vergehen? Wann tauche ich wieder auf? Wird sich dann noch jemand an mich erinnern? Wird es dann vielleicht schon zu spät sein? All die Fragen stelle ich mir als mein Körper eintaucht und sich alle einzelnen Teile meines Ichs im klaren Wasser auflösen. In den Tiefen des Meeres herrschte Stille. Und Stille war genau das was ich in diesem Moment suchte.

Aufgabe: Eigenen Monolog schreiben Schauspiel Berlin 2013/14 

Frei sein. 

Ich gehe jetzt. Ja du hast richtig gehört. Wie eine Weile bleiben? Wozu? Du sitzt doch nur da und lernst deinen Text. Du brauchst mich doch gar nicht. Du siehst nicht mal her, wenn ich mit dir rede. Sieh mir doch einmal in die Augen und sags mir ins Gesicht. Wie was? Naja was du denkst. Warum du willst, dass ich bleibe. Sieh mich an.

Ich kann das nicht mehr. Ich fühl mich verloren. Ich bin in dieser Wohnung aufgewacht und weiß nicht mehr wozu ich hier bin.

Und immer wenn ich gehen will, siehst du mich an. Mit diesem flehenden Blick. Das zerreißt mich. Innerlich. Bist du dir dessen im Klaren? Weißt du was du da machst? Mit mir? Ich halte das nicht mehr aus. Bitte setz mich vor die Tür. Wie – du kannst das nicht? Wieso kannst du das nicht? Lass meine Hand bitte los. Lass sie los. Jetzt. (Lass mich endlich gehen)

Ich habe keinen Platz hier. Hatte ich nie. Du weißt genau, dass ich bald weg bin.

Und was machst du? Lässt mich bei deinen Proben zusehen. Echt großzügig von dir, aber ich hab da keine Lust drauf. Ich will nicht mehr zusehen. Ich kann das nicht mehr. Ich verliere mich. Ich dreh mich im Kreis und will doch nur einen Ausgang finden. Aber du lässt mich nicht. Du stehst davor. Du blockierst mich. Du stehst mir im Weg. (Bitte geh einen Schritt zur Seite) Bitte geh da weg. Ich muss da durch..

Auf der anderen Seite stehe nämlich ich. Die, die ich einmal war, bevor du da warst. Ich will da wieder hin. Bitte lass mich durch.

Ich will doch nur wieder ich selbst sein, Lachen – ohne groß darüber nachzudenken. Ohne über dich nachzudenken. Tanzen, wenn mein Lied kommt. Ohne dich dabei haben zu wollen. Ich muss hier raus. Frei sein. Träumen, losgelöst von dir. Bitte lass mich gehen. Bitte.

Ausweg

Kennt ihr das? Wenn die Momente vergehen und man sie nicht stoppen kann. Wenn der Augenblick zeitlos wird. Wenn alles ineinander verschwimmt. All die Gesichter, all die Erinnerungen. Wenn man nach den Sternen greifen will, aber nur die Leere schnappt? Wenn man so viele Pläne hat, aber alles schleifen lässt? In solchen Tage verachte ich mich. Ich schaff es nicht hinaus. Ich schaff es nicht mal aus meinem Zimmer. Ich sitze da und versuche meine Hände zu bewegen, aber es funktioniert nicht. Ich starre ins Nichts und versuche den Sinn in Allem zu sehen, aber es funktioniert nicht. Nichts funktioniert. Alles ist Schwarz. Es ist wie, als würde ich mich im Kreis drehen, so lange bis mir schwindlig wird und ich falle langsam zu Boden. Alle Menschen sehen an mir hinunter, aber ich sehe sie nicht. Ich bemerke sie nicht. Sie sind wie fremd. Wie eine Wand, die zwischen uns ist und die mich von ihnen fernhält. Ich versuche sie zu berühren, aber es gelingt nicht. Ich fühle mich schwer und will nur endlich wieder auf zwei Beinen stehen. Aber der Boden hält mich zurück, die Angst hält mich zurück. Die Trägheit hält mich zurück. Würde ich aufstehen wollen könnte ich mich nicht halten. Ich würde nur wieder umkippen durch die Schwere in meinem Kopf. All die Gedanken könnte er nicht tragen. Und nun lieg ich hier. Warte auf den nächsten Tag. Auf die nächste Nacht. Darauf, dass der Kopf leichter wird und mich meine Beine wieder halten können. Der Kreis stoppt vielleicht am nächsten Morgen sag ich mir. Meine Augen fallen zu und ich träume. Von Abenteuern. Von Freiheit. Von Leben. Doch als ich die Augen öffne ist alles gleich. Ich versuche meinen Kopf zu heben, doch er bleibt am Boden fest verankert. Also gibt es einen Ausweg, frage ich mich. Gibt es ihn?

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