Monologe/ Auszüge

Wolfram Lotz – Einige Nachrichten an das All

Sie müssen wissen: Mit zwölf lag ich mal abends im Bett. Soweit ist das ja alles normal. Aber ich konnte an diesem Abend nicht einschlafen, und habe immer so in die Dunkelheit vor mich hin gestarrt. Irgendwann dachte ich: Das ist jetzt also jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Da habe ich eine unendliche Angst bekommen, vor dem Sterben und davor, dass ich verschwinden muss im Universum, so eine Angst habe ich da bekommen, als ich da lag und so dachte: Jetzt. Jetzt. Es war entsetzlich. Da wusste ich, dass ich mein Leben ändern muss, ganz grundlegend ändern, dass das nicht mehr vorkommen darf, dass so ein Augenblick nicht mehr vorkommen darf in meinem Leben. Da habe ich angefangen mit Sportaerobik, ich habe Golf gespielt und Indiaca, ich habe Wildwasserrafting gemacht, Breakdance und Blitzschach, Skateboarding, Minigolf, Windsurfen, Baumstammwerfen und Curling, ich habe Squash gemacht, Ponyreiten, Freeclimbing, Öl-Ringkampf und Pétanque, ich habe Taubenschießen, Wokrodeln, Wasserball gemacht, Downhill-Radfahren, Garde- und Schautanz, Stierkampf, Tipp Kick, Bogenschießen und Rhönradturnen. Ich war in Batikkursen, in einer Hardrock-Coverband, in einem Modellbauverein, bei einem freien Radio, in einem deutsch-türkischen Freundschaftsverein, ich war bei einer katholischen Jugendorganisation Kassenwart, bei einer evangelischen Singgruppe Schriftführer, bei der Jungen Union und bei den Jusos und bei den Julis, auf Freizeiten und Fortbildungen. Ich habe nach dem Abitur Kognitionswissenschaften studiert, ich habe Gebäudeklimatik studiert, Sprache und Kultur Tibets, Ökotrophologie, Iberoromanische Philologie, Verpackungsdesign und Aerospace Engineering habe ich studiert, Szenisches Schreiben an der Universität der Künste, Urban Management, Holz- und Kunststofftechnik, European Studies, Elementar- und Hortpädagogik, Bioprozesstechnik, Fagott, Wissenschaftsjournalismus sowie Psychology of Excellence in Business and Education (Letzteres auf Bachelor), das habe ich alles studiert, und ich war zudem Gasthörer im Studiengang Theoretischer Maschinenbau, bei Englisch auf Lehramt für Primarstufe, bei Arts an Media Administration, in Nanostrukturwissenschaften, Schiffsbetriebstechnik, ich war Gasthörer bei Kulturwissenschaften mit Fachschwerpunkt Geschichte, Raumplanung, Sorbisch und Lernmitteldesign. Ich habe Praktika absolviert bei EADS in Friedrichshafen, beim Berliner Stadtmagazin Zitty, bei der Snogard Computer GmbH, im Stadttheater Chemnitz, bei FuP Kommunikation, in einem Call-Center der Deutschen Bahn in Koblenz, in der Redaktion der Zeitschrift Neon, im Pflegeheim St. Vincenz in Bad Rippoldsau, bei der Firma Hermansdorfer Industriemotoren und Ersatzteilhandel, bei Kopp’s Coiffure in Davos, ich habe Praktika gemacht im Fahrradhaus Sauerborn und bei der Firma CeNano GmbH & Co. KG, in Milla’s Lebensmittellädchen und bei der BamS. Ich habe als Animateur in einem Robinsonclub auf Fuerteventura gejobbt, ich war Backpacking in Australien, Chile, im Sauerland und in Südfrankreich, ich habe Auslandssemester absolviert in Lima und Salzburg, ich hatte ein Auslandsstipendium des DAAD für Wyoming, ein Arbeitsstipendium von der Kulturstiftung Sachsen für Fahrradtechnologie, ich habe den Hattinger Förderpreis für Querflöte erhalten und die Untergrundliteraturzeitschrift ‚Serielle Tendenzen’ herausgegeben, ich habe ein Computerspiel programmiert, in dem man ein DJ ist und in einer Galaxie namens Ultrion Raubüberfälle organisiert, aber auch Geschlechtsverkehr hat, wobei man für Letzteres Wissensfragen beantworten muss, ich habe einen Kurzfilm gedreht mit dem Namen ‚Frau Müller ist allein’, in dem eine alte Frau in einer Berliner Altbauwohnung immer ihre studentischen Nachbarn darum bittet, für sie Kaffeebohnen einzukaufen, und dann am Ende stellt sich heraus, dass sie gar keinen Kaffee trinkt und das nur macht, um überhaupt mal mit jemandem reden zu können, ich habe alle Möbel in meiner Wohnung abgeschliffen und selbst gebeizt und bin mit ihnen 14 Mal umgezogen, ich habe bei der Apfelernte im Saarland geholfen, ich habe Wohnwägen und Jet-Skis im Internet gekauft und dann weiterverkauft, ich habe gebloggt und getwittert und gebloggt, ich habe Leichen plastiniert und Cherrytomaten gezüchtet, und ich kann sagen:
Ich habe es nicht bereut. Im Gegenteil.
So ein entsetzlicher Moment, wie ich ihn damals hatte, damals, als ich zwölf war, ist mir seitdem erspart geblieben. Nur abends beim Einschlafen noch habe ich bisweilen kurz die Angst, dass ich das, also mein Sein, wieder so empfinden könnte wie damals, aber ich höre dann, wie mein Computer leise in der Dunkelheit knistert und surrt, und es ist beruhigend für mich zu wissen, dass er gerade (und auch noch die ganze Nacht) irgendwelche Sachen kostenlos aus dem Internet downloaded. Es beruhigt mich und hilft mir beim Einschlafen.

Sarah Kane

Auszüge

S. 178/179

Bitte. Knipsen mir nicht den Verstand aus indem Sie versuchen mich in Ordnung zu bringen. Hören Sie zu und verstehen Sie und wenn Sie Verachtung spüren. Behalten Sies für sich. Wenigstens mir gegenüber.

 

„Und ich will Verstecken spielen und dir meine Kleider geben und dir sagen Ich mag

deine Schuhe und auf den Stufen sitzen während du badest und deinen Nacken

massieren und deine Füße küssen und deine Hand halten und essen gehen und

mich nicht beklagen wenn du mein Essen isst und dich betreffen und über

den Tag reden und deine Briefe tippen und deine Kisten tragen und lachen über

deinen Verfolgungswahn und dir Kassetten schenken die du nicht anhörst und tolle

Filme sehen und schreckliche Filme sehen und schimpfen über das Radio und

Fotos machen von dir wenn du schläfst und aufstehen um dir Kaffe zu bringen und

Bagels und Kopenhagener und gehen und Kaffee trinken um Mitternacht

und dich meine Zigaretten klauen lassen

 

und nie ein Streichholz finden können und dir vom Fernsehprogramm erzählen das ich die Nacht zuvor gesehen hab und dich in die Augenklinik bringen und nicht über deine Witze lachen und dich wollen am Morgen aber noch eine Weile schlafen lassen und deinen Rücken küssen und deine Haut streicheln und dir sagen wie sehr ich dein Haar liebe deine Augen deine Lippen deinen Hals und auf den Stufen sitzen und rauchen bis dein Nachbar heimkommt und auf den Stufen sitzen und rauchen bis du heimkommst und mich sorgen wenn du zu spät bist und erstaunt sein wenn du zu früh bist und dir Sonnenblumen schenken und es bedauern wenn ich Unrecht habe und glücklich sein wenn du mir vergibst und deine Fotos ansehen

 

und wünschen ich hätte dich schon immer gekannt und deine Stimme hören in meinem

Ohr und deine Haut spüren auf meiner Haut und Angst kriegen wenn du wütend bist

und dein Auge rot geworden ist und das andere Auge blau und dein Haar nach links

und dein Gesicht orientalisch und dir sagen du bist hinreißend und dich in den Arm

nehmen wenn du ängstlich bist und dich halten wenns wehtut und dich wollen wenn

ich dich rieche und frieren wenn du die Decke nimmst und schwitzen wenn nicht

 

und schmelzen wenn du lächelst und mich auflösen wenn du lachst und nicht verstehen

warum du denkst ich weise dich zurück wenn ich dich nicht zurückweise und mich

fragen wie du denken konntest ich könnte dich jemals zurückweisen und mich

fragen wer du bist aber dich dennoch akzeptieren und Gedichte schreiben für dich und mich fragen warum du mir nicht glaubst und ein

Gefühl haben so tief dass ich keine Worte dafür finden kann und dich im Bett festhalten wenn du los musst und heulen wie ein

Kleinkind wenn du zuletzt wirklich

 

 

 

und in der Stadt herumirren und denken sie ist leer ohne dich und wollen was du willst und denken ich verliere

mich selbst aber wissen dass ich in Sicherheit bin bei dir und dir das Schlimmste

von mir erzählen und versuchen dir mein Bestes zu geben weil du kein bisschen

weniger verdienst und deine Fragen beantworten wenn ich es lieber nicht täte und

dir die Wahrheit sagen wenn ich es wirklich nicht will und versuchen ehrlich zu sein

weil ich weiß das ist dir lieber und denken es ist alles vorbei aber noch wenigstens

zehn Minuten ausharren bevor du mich rausschmeißen wirst aus deinem Leben

und vergessen wer ich bin.

 

 

Es ist mir nie schwer gefallen im Leben, andern Menschen zu geben, was immer sie wollten.

Doch keiner war je imstande, dasselbe für mich zu tun. Keiner berührt mich, keiner traut sich an mich heran. Doch jetzt hast dus geschafft, mich so scheißtief zu berühren, ich kanns nicht fassen und kann dir nicht sein, was du für mich bist. Weil ich dich nicht finde.

 

Ich glaube an Jahrestage. Das eine Stimmung wieder wach werden, auch wenn das Ereignis das sie erzeugt hat banal ist oder vergessen.

 

„sag nicht nein zu mir du kannst nicht nein zu mir sagen weil es ist so eine erleichterung ist wieder Liebe zu haben und im bett zu liegen und gehalten zu werden und berührt und geküsst und verehrt und dein Herz wird springen wenn du meine Stimme hörst und mein Lächeln siehst und meinen Atem spürst auf deinem Nacken und dein Herz wird rasen wenn ich dich sehen will und ich werde dich vom ersten Tag an belügen und dich benutzen und dich bescheißen und dein Herz brechen weil du zuerst meins gebrochen hast und du wirst mich jeden Tag mehr lieben bis das Gewicht uneträglich ist und dein Leben mir gehört und du wirst allein sterben denn ich werde mir nehmen was ich will dann davongehen und dir nichts schulden – es ist immer da – es war immer da und du kannst das leben nicht leugnen das du spürst scheiß auf dieses leben scheiß auf dieses leben scheiß auf dieses leben ich hab dich verloren jetzt

 

Manchmal wenn ich mich umdreh steigt dein Geruch mir in die Nase ich kann nicht mehr weiter ich kann verdammtnochmal nicht mehr weiter ohne dass dieser schreckliche so verflucht grässliche physische Schmerz aus mir rauswill das Verlangen nach dir. Und ich kanns einfach nicht fassen dass ich all das empfinde für dich und du fühlst nichts. Fühlst du denn gar nichts?

 

(Schweigen.)

 

Fühlst du gar nichts?

 

(Schweigen.)

 

Um sechs Uhr früh geh ich los und beginne die Suche nach dir. Wenn ich ein Zeichen bekomme im Traum von einer bestimmten Straße einer Kneipe oder Haltestelle dann geh ich dorthin. Und ich warte auf dich.

 

(Schweigen.)

 

Weißt du, ich fühl mich wirklich wie manipuliert.

 

(Schweigen.)

 

 

Was meinst du, gibt es das, ein Mensch wird im falschen Körper

geboren?

 

(Schweigen.)

 

Was meinst du, gibt es das, ein Mensch wird ins falsche Zeitalter

geboren?

 

 

Sie können nichts dafür, das ist alles was ich zu hören kriege, sie können nichts dafür, es ist eine Krankheit, sie können nichts dafür, ich weiß, dass ich nichts dafür kann. Sie haben es mir so oft gesagt, dass ich allmählich denke, ich kann doch was dafür.

 

um 4 Uhr 48

der Glücksmoment

wenn die Klarheit vorbeischaut

warme Dunkelheit

die mir die Augen tränkt

Ich kenne keine Sünde

dies ist die Krankheit zur Größe

der Lebenswunsch für den sich zu sterben lohnt

geliebt zu werden

Ich sterbe für einen der sich kaum darum schert

Ich sterbe für einen der nichts davon weiß

du machst mich kaputt

 

Wie höre ich auf?

Wie höre ich auf?

Wie höre ich auf?

 

Ein Zacken Schmerz, Wie höre ich auf? Durchbohrt mir die Lunge. Wie höre ich auf? Ein Zacken Tod. Wie höre ich auf? Sticht mir ins Herz,

Ich werde sterben. Noch nicht- und doch ist es schon da.

 

Ich habe immer..

an dich gedacht und ..

Ich habe immer..

Gewünscht, dass du es bist, wenn ich …

Immer..

Ich kann das nicht abschalten. Nicht zerschmettern.

Geht nicht. Ist schon beim Aufwachen da und verbrennt mich.

Als würde ich zerspringen So sehr begehre ich ihn.

 

 

(Schweigen.)

 

Fick dich. Fick dich. Fick dich, weil du mich aufgegeben hast, indem du nie da warst, fick dich,

weil

ich mich scheiße fühle wegen dir, fick dich, weil du mein Leben so aus mir rausbluten lässt,

meine

Liebe, scheiß auf meinen Vater, weil er mein Leben versaut hat für immer, scheiß auf meine

Mutter,

weil sie ihn nicht verlassen hat, und vor allem, fick dich, Gott, weil ich jemanden lieben muss,

den es nicht gibt, FICK DICH FICK DICH FICK DICH.

 

 

meine letzte Unterwerfung

meine letzte Niederlage

Ich denke dass du von mir denkst

wie ich dich von mir denken lasse

der letzte Abschnitt

der Schlusspunkt

jetzt kümmere dich um deine Mami

kümmere dich um deine Mami

Schwarzer Schnee fällt

im Tod hältst du mich fest

niemals frei

 

Und wenn ich nichts fühle ist es sinnlos

Aufstehen denken ist sinnlos

Essen denken ist sinnlos

Anziehen denken ist sinnlos

Sprechen denken ist sinnlos

Nur Sterben ist total scheiß sinnlos

 

 

Ich hab kein Verlangen nach dem Tod

welcher Selbstmörder hatte das schon

sieh mich verschwinden

sieh mich

verschwinden

sieh mich

sieh mich

sieh

 

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