ich bin europa

Ich bin keine Utopie. Ich bin eine Realität. 

Ich bin 742 Millionen Menschen. 

Ich spreche 150 Sprachen, 

aber nur 23 davon sind offiziell anerkannt. 

Ich bin der erste Weltkrieg. 

Ich bin der zweite Weltkrieg. 

Ich bin all Eure Kriege. 

Ich bin all Eure Menschenrechte. 

Ich versuche, Kompromisse auszuhandeln. 

Ich organisiere Eure Freiheit. 

Ich bin der Vatikan. 

Ich bin Auschwitz. 

Ich bin die Revolution. 

Ich bin die Tragödie. 

Ich bin das zusammenbrechende Griechenland. 

Meine Eltern waren Nazis, waren Humanisten, waren Entdecker, waren Kolonialisten. 

Ich bin in Nordamerika eingefallen, und habe die Indianer ausgerottet. 

Ich habe Südamerika vergewaltigt. 

Ich bin losgezogen nach Australien und habe die Aborigines ausgerottet. 

Ich hab einen Großteil Asiens unterworfen. 

Ich hab einen Großteil Afrikas unterworfen und die einheimische Bevölkerung gezwungen, MEINE SPRACHEN zu sprechen und an MEINEN GOTT zu glauben. 

Ich bin Hochkultur, ich bin Kunst, ich bin Beethoven, Mozart, Wagner, ich bin Goethe, Schiller, Shakespeare, Dante, Moliére, ich bin der Louvre und die Salzburger Festspiele, ich bin Bayreuth und La Scala, ich bin Rom, Paris, London, Prag, ICH BIN WELTKULTURERBE, ich bin Versace, Lagerfeld, Armani, Chanel, Dior, Pasolini, Antonioni, Fassbinder, Godard, ich bin Rolls Royce, Rolex und Montblanc, ich bin ein Privatjet, der George Clooney zum Festival nach Cannes fliegt, zum Filmfestival nach Venedig, ich würde George Clooney hinfliegen, wohin er will und mit ihm das Wochenende in einem wunderschönen Luxushotel an der Cote d’Azur verbringen, Ich bin der Prinz of Wales und seine Prinzessin in einer romantischen prunkvollen Pferdekutsche die den Massen zuwinken, Massen armer Menschen die wild und begeistert jubeln und Papierfahnen in den Nationalfarben hin und herschwenken am Tag der teuersten Hochzeit, die je weltweit im Fernsehen übertragen wurde. 

Ich bin der Traum, der wahr wird.
Ich bin all das, wonach du dich sehnst,
und ich werde alles tun, um meinen Wohlstand zu erhalten. 

Ich zerstöre das Klima. 

Kleine Kinder arbeiten für mich in China und Bangladesch. 

Ich verkaufe Waffen an afrikanische Milizen und arabische Diktatoren. 

Ich bin Anders Behring Breivik und schieße Teenagern in einem norwegischen Ferienlager direkt ins Gesicht. 

Ich bin der junge Hip Hoper, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, und der ISIS beitritt und Youtube Clips postet, in denen er einem französischem Journalisten den Kopf abhackt und auf seinem Facebook sehr viel Likes dafür bekommt, dass er Angela Merkel eine „verdammte Hure“ nennt und den Deutschen damit droht, dass es bald Krieg geben wird, Tote, Verletzte. 

Ich bin nicht Charlie. 

Ich sitze nicht in Paris und trinke Champagner. 

Ich bin Charlie. 

Ich will in Paris sitzen draußen im Cafe oder in Brüssel am Flughafen einchecken ohne Angst, 

ohne die Angst, gleich in die Luft zu fliegen, 

ich will in einen Zug einsteigen ohne Angst, dass mir ein religiöser Fanatiker mit einer Maschinenpistole in den Kopf schießt, 
ich will nach Frankreich fahren, ohne an der Grenze kontrolliert zu werden. Ich will keine Angst haben.
Ich will, dass alles so bleibt wie es ist.
Ich will in Paris im Cafe sitzen, ohne Angst zu haben, 

aber ich habe Angst. Ich habe Angst, 

während ich da sitze und plötzlich vier junge etwas gefährlich aussehende arabische Männer vorbei laufen, und das kotzt mich an, das will ich nicht, ich will keine Angst haben, ich will keine Angst haben, aber ich habe Angst manchmal. 

Ich will keine Angst haben. Ich will keine Angst haben. 

Ich bin der junge Mann aus der Vorstadt der kein Geld hat, um mit dem Zug in die Stadt rein zu fahren, um nachts auf der Terrasse am Place de la Republique mit seinen Freunden Champagner zu trinken und der denkt: Geschieht euch Recht, ihr scheißreichen Wichser, jetzt seht ihr endlich mal wie das ist, ohne Sicherheit zu leben, immer Angst zu haben, weil zu jeder Zeit irgend etwas schreckliches passieren könnte, tut nicht so unschuldig, ihr seid keine Opfer, ihr seid die Täter, ihr seid die Täter, ihr Austern fressenden, scheißelitären Isabelle Huppert in Warlikowskis „Streetcar named desire“ goutierenden Drecksintellektuellen, ich war noch nie in der Oper oder im Odeon oder bei irgendeiner Vernissage, ich weiß nicht mal, WAS DAS IST, ich bin nicht Charlie, ich bin nicht auf der Terrasse, ich bin der Dreck, an dem ihr vorbeiguckt, mit dem ihr nie ein Wort wechseln würdet, meine Mutter putzt bei euch, mein Vater sitzt besoffen vorm Fernseher und schaut euer Trash TV, das ihr extra für Leute wie uns produziert, damit wir die Schnauze halten und nicht auf die Straße gehen, um zu randalieren, damit der Dreck aus den Banlieues nicht eine Revolution anzettelt, aber jetzt, jetzt, jetzt sind wir da, und wir werden immer mehr, und wir gehen nicht mehr weg, und es wird unangenehm für euch, jetzt kommt die Zeit der Rache, jetzt seid ihr dran, wir kriegen euch und eure schönen Cafes und Theater und Kinosäle und Dreisternerestaurants. 

Ich bin der obdachlose alterslose Typ der nachts um halb drei irgendwo im Eingangsbereich einer Bank neben dem EC Automaten liegt in Amsterdam, Lissabon, Prag oder Berlin 

Ich bin die wunderschöne berühmte Schauspielerin, die irgendwo allein in ihrem Hotelzimmer sitzt in London oder Rom, Paris oder Madrid und Antidepressiva schluckt und Schlaftabletten und Rotwein und Whisky, und die einfach nicht schlafen kann. ICH KANN EINFACH NICHT SCHLAFEN, und der Fernseher bewegt sich so seltsam auf mich zu, und ich sehe all diese Bilder: Gewalt, Exzesse. Männer, die mit Maschinengewehren durch die Straßen ziehen und anderen Menschen in den Kopf schießen, Frauen, die geschlagen und vergewaltigt werden, und all dieser religiöse Wahn und dieser Hass und diese Angst. TOD, TOD, ÜBERFORDERUNG, TOD, VERNICHTUNG, KRIEG, HASS, ÜBERFORDERUNG, und ich kann nicht aufhören, mir das alles anzugucken, und es macht mir Angst ich kann nicht schlafen, und ich habe keine Lösungen, ich habe keine Antworten, ich will nur noch weg, aber ich weiß nicht, wohin, und ich werfe noch ein paar Schlaftabletten ein, aber ich komme einfach nicht zur Ruhe und plötzlich fühle ich mich wie Romy Schneider ein paar Stunden bevor sie starb, weil sie einfach den wilden Mix aus Schlaftabletten und Rotwein und Whisky nicht mehr vertragen konnte und zusammenbrach, wie Fassbinder, wie Amy Winehouse, all diese Einsamkeit, all diese Unsicherheit und Verwirrung, dieser Exzess, der in die Leere läuft … und das alles, das alles macht mir einfach nur noch ANGST. 

Ich bin die schlimmste Musik, die je ein Mensch gehört hat beim Eurovison Song Contest. 

Ich bin der Aufstieg und der Untergang des Kommunismus. 

Ich bin die NATO, ich bombardiere Serbien. 

Im Mittelalter hatte ich meinen eigenen IS, er nannte sich DIE KATHOLISCHE KIRCHE, 

wir schickten unsere jungen Gotteskrieger nach Peru, um all die Heiligtümer der Inkas zu zerstören, die Frauen zu vergewaltigen und das Gold mit nach Hause zu bringen. 

Ich bin tausende von Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken. 

Ich bin tausende von Flüchtlingen, die an der Grenze zu Mazedonien festsitzen. 

Ich bin der Rauch brennender Flüchtlingsunterkünfte in Sachsen und Sachsen- Anhalt. 

Ich bin die deutsche Polizei, die nichts dagegen unternimmt. 

Ich bin das, was von der jüdischen Gemeinde übrig geblieben ist. Ich bin keine Nation.
Ich bin eine Gruppe von Individualisten.
Ich bewege mich in alle Richtungen gleichzeitig. 

Das zerreißt mich. 

Ich liefere Waffen an meine ehemaligen Kolonien, 

und ich bin immer ganz überrascht, wenn irgendwo in dieser Welt schon wieder Krieg ausgebrochen ist, 

denn vielleicht hatte ich einfach gerade keine Zeit die Nachrichten zu schauen als schon wieder irgend ein Regime gestürzt wurde oder ein Land im Bürgerkrieg versank oder als schon wieder irgend eine Widerstandsgruppe einen Anschlag gegen wen auch immer verübte und wieder Hunderte von Kindern ermordet, und ich weiß nicht wie viele Frauen vergewaltigt, und ich weiß nicht wie vielen Anhängern welcher Religion auch immer die Köpfe abgehackt wurden, 

denn manchmal muss ich einfach ABSCHALTEN anstatt mir ununterbrochen all diese Nachrichten reinzuziehen, DAMIT ICH MICH VERDAMMT NOCHMAL AUF MICH SELBST KONZENTRIEREN KANN, eure Konflikte interessieren mich nicht, ich will, dass ihr eure Konflikte löst und mich damit in Ruhe lasst, ich will nicht, dass eure Konflikte Teil meines Lebens werden, ich analysiere, wie in den Medien Realitäten produziert werden, aber ich will nicht, dass das, was ich in den Medien sehe, Teil meines Lebens wird, all diese Menschen all das Leid der Krieg die Unruhe, das soll in den Medien bleiben. Ich will nicht, dass die Menschen aus den Nachrichten HIERHER kommen, es sind einfach ZU VIELE und SIE SIND VIEL ZU KOMPLIZIERT, das alles ist viel zu kompliziert, und ich brauche EINFACHHEIT, KLARHEIT, RUHE, das ist mir alles zu chaotisch mit all diesen Gruppierungen und Untergruppierungen und all diesen UNTERSCHIEDLICHEN RELIGIONEN, DIE ICH ALLE NICHT KENNE. Ich will EINE Staatsreligion oder höchstens ZWEI die Welt ist so unübersichtlich geworden, UND DAS HALTE ICH NICHT AUS, ich brauche Ordnung. ICH WILL DIE KONTROLLE ÜBER MICH UND MEIN LEBEN ZURÜCK, und ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe, UND ICH WILL KEINE VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN MÜSSEN FÜR DINGE DIE ICH NICHT VERSTEHE. 

Ich will Weltfrieden, ich will das Klima retten, ich will Online Petitionen unterschreiben gegen das Robbenschlachten, ich will Wale schützen, und ich will, dass alle Menschen sich offen ohne Vorurteile gegenübertreten und sich gegenseitig akzeptieren, und ich will keine religiösen Fanatiker, ich will NICHT ZU VIELE KONFLIKTE. 

Ich will KEINE GEWALT HIER AUF MEINEM GEBIET. Das hier ist eine Festung.
Das hier ist eine Insel.
GEWALT HAT HIER NICHTS ZU SUCHEN. 

GEWALT SOLL GEFÄLLIGST DRAUSSEN BLEIBEN,
ich bin offen und liberal, und ich mag moderne Kunst und postdramatisches Theater und neue experimentelle Musik und ein Glas Spätburgunder oder Chardonnay.
ICH BRAUCHE RUHE UM ZU DENKEN, ICH BIN PHILOSOPHIE, ICH BIN DIPLOMATIE. 

Aber im Moment weiß ich nicht, in welche Richtung ich mich bewegen soll, vor, zurück oder einfach nirgendwo hin.
Sie kommen, sie kriechen unter meinen Grenzanlagen hindurch.
Frontex beschützt mich nicht mehr. 

Und ich fühle mich alt und erschöpft,
ich habe Angst vor meiner eigenen Bevölkerung. Meine eigene Bevölkerung vertraut mir nicht mehr. Sie misstrauen meiner Währung.
Sie misstrauen meinem Parlament.
ICH BIN VERWIRRT. Ich habe Angst.
Ich habe Angst.
Ich bin Europa.
Ich habe keine Identität.
Ich bin Europa und
niemand weiß, was das bedeutet. Ich bin Europa, 

und ich habe keinen Halt, ich zerbreche, ich falle auseinander, ich spüre diesen RISS, dieses REISSEN,
ich werde auseinanderGERISSEN
von einer großen 

Unsicherheit von Konfusion, Ratlosigkeit, Panik, Hysterie, Hass. 

Ich bin Europa.
Ich weiß nicht, wer ich bin. Angst, überall Angst und in dieser Angst liegt eine große Gefahr. 

– Falk Richter „Città del Vaticano“ Schauspielhaus 2016 

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