ich kann allein sein

Die schwarze Straße hat sich breit gemacht, schläft schweigend ihren Rausch aus und zwischen Kreuzungen und Seitengassen tut sich nirgendwo mein Haus auf und ich merke wie ich gehe, merke wie ich mich bewege, aber mein Leben auf der Stelle steht und bloß unter mir die Welt sich dreht und unter meinen Füßen ist die Erde ein Laufband, ich laufe nach vorn komm trotzdem bloß hier anMeine Welt ist ein Zelt bloß aus ewigem Treibsand, alles bleibt gleich ohne Ein- ohne Ausgang

Alle Schritte die ich gehe sind der Sand in meiner Sanduhr, alle Straßen, alle Wege, alles kommt mir so bekannt vor

Hier zum Beispiel, genau hier war ich schon mal letztes Jahr, ich weiß noch wie verletzt ich war

Ich dachte ich wär’ weiter, aber jetzt bin ich schon wieder da und was hab ich nicht alles gemacht seitdem

Ich hab neue Berge bezwungen, hab neue Lieder gesung’, bin über Schatten gesprungen, hab mich zum Lachen gezwungen, hab mich zusammengerissen um mich neu zu entfalten, um langen Atem zu haben, hab ich Luft angehalten, hab mich ins Wasser gestoßen, um schneller schwimmen zu lern’, hab meine Sachen verloren, um schneller fündig zu werden

Du bist und bleibst mein Rätsel, das denk ich aber sag ich nicht und laufe einfach weiter, während die Nacht längst in den Abend bricht und ich singe: Ich kann alleine, seit ich weg bin von der Party und dir denk ich, dass wir doch wenigstens zusammen alleine sein könnten, aber wenn ich dir meine Hand gebe nimmst du sie nicht an, weil du sagst, dass der der nichts hat, auch nichts verlieren kann, das ist sehr clever, ja, wer nichts hat kann nichts verlieren, aber der hat auch nichts

Und klar, was uns Halt gibt kann uns Fallen lassen, wer uns liebt, kann uns alleine lassen, was uns frei macht, schränkt uns doch bloß ein, wenn wir laut sind, woll’n wir leise sein und ich singe: Ich kann alleine sein

Ich kann alleine sein, ja, sogar besser als ich dachte, auch wenn ich glaube, dass ich dafür nicht gemacht bin

Und unter mein Füßen bleibt die Erde ein Laufband, es ist so viel passiert, steht trotzdem alles auf Anfang

Wenn der Weg doch das Ziel ist, dann komm ich vielleicht doch an, ich drossle das Tempo und geh heut’ mal langsam

Und was sonst das Ziel sein könnte, ich wär’ irgendwann gern stark und ein bisschen weniger ironisch, vielleicht ein bisschen mehr bei mir, nicht ganz so melancholisch

Ich wär’ irgendwann gern alt und vielleicht ein bisschen weise, ich weiß noch nicht wie bald und noch nicht auf welche Weise, ich weiß, ich wär’ gern nicht allein und gesund sein wär’ vorzüglich und ich wünsche mir vor allem ich wär’ dann ein bisschen glücklich

Und bis dahin werd’ ich manchmal an dich denken, auch wenn du mich vergisst

Und bis dahin werd’ ich aufhören zu fragen, wann endlich alles gut wird, weil, weil nämlich längst schon alles gut ist, ja, weil nämlich längst schon alles gut ist. 

– Julia Engelmann

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