Wolfram Lotz: Mama

MAMA

Wolfram Lotz

Eine Szene

Auf der ansonsten leeren Bühne steht ein kleiner Tisch im Zentrum des Lichts. Auf dem Tisch steht eine schmuckvolle Schüssel, gefüllt mit roten Trauben. Dabei soll darauf geachtet werden, dass die Trauben nicht zu hart sind, sondern eher etwas matschig: Es empfiehlt sich also, Trauben aus biologischem Anbau zu verwenden. Der Autor der Szene – Wolfram Lotz – betritt sodann zögerlich die Bühne. Er guckt immerzu irritiert und mit tumbem Blick aus seinem Kopf heraus, sein Mund steht ein klein bisschen offen, er hat keine richtige Mimik. Im Verlauf der Szene bewegt er sich zickzackartig nach und nach auf das kleine Tischchen zu: Er geht immer etwas vor, zögert, guckt blöd, geht wieder ein bisschen zurück, dann geht er wieder etwas weiter vor, zögert, guckt wieder blöd, geht wieder etwas zurück usw. In dem Augenblick, da Lotz die Bühne betritt, beginnt der Monolog seiner Mutter.Mutter Lotz ist dabei nicht zu sehen, ihre Stimme ertönt über Lautsprecher. Wichtig ist dabei, dass Mutter Lotz den Monolog mit liebevoller Stimme hält (keineswegs überspitzt oder ins Lächerliche gezogen) – ihre Stimme vermittelt einen sympathischen Eindruck, so wie sonst auch.

MUTTER LOTZ: Es ist ein schöner Augenblick Jede Mutter wird das verstehen, dass man sich so freut Wenn die Wünsche des eigenen Kindes in Erfüllung gehen. Es ist schon sehr schön, dass jetzt eine Szene vom Wolfi Vom Wolfram, vom Wolfram Lotz, meinem Sohn, also dem Autor Dem Autor dieser Szene, also dass jetzt Diese Szene, die mein Sohn geschrieben hat, aufgeführt wird Und dass ich den Monolog hier sprechen darf Und vor allem, dass er ja selbst auftritt Dass der Wolfi hier ja selbst auftritt währenddessen Als Schauspieler sogar, in seiner eigenen Szene Hier am Theater, das ist für mich als Mutter

Schon etwas besonderes. Das hätten wir ja nicht So für möglich gehalten, der Wolfi, also der Wolfram Der stottert ja, der hat schon immer so gestottert Und dass er noch mal Schauspieler wird Also nicht richtiger Schauspieler, aber dass er haltAuftritt, das freut mich schon sehr. Insbesondere Weil er ja nicht richtig sprechen kann Also er kann schon sprechen, aber er stottert halt Er hat schon immer gestottert, seitdem er sprechen kann Da haben wir uns schon immer Sorgen gemacht Ob er dann auch alles machen kann, oder ob Ihm dann nicht bestimmte Dinge versagt bleiben. Er hat ja Immer gestottert, und er war ja auch ein kränkliches Kind – So dünn und blass, und er hat sich ja aber doch gut entwickelt Aber dass er noch mal so im Theater auftritt, dass hätten wir So nicht gedacht. Umso schöner, dass es jetzt so ist Und dass er die Szene hier selbst geschrieben hat Sie ist ja nicht lang, und wir haben ihn immer unterstützt Man unterstützt sein Kind ja als Mutter Aber man weiß ja nicht, ob das was wird Er hat ja immer Gedichte geschrieben, so für sich Aber man wusste ja nicht, ob das was besonderes ist Aber ich hab halt gedacht: So lang es ihm Freude macht Soll er es ruhig machen, er ist halt so ein bisschen

Immer schon so gewesen, auch als Kind Dass er immer im Zimmer saß, so für sich, er ist Ja nie rausgegangen, er saß ja immer nur im Zimmer

Und da hat er gespielt, mit Playmobil, immer Das hat uns schon auch Sorgen gemacht Aber jetzt ist er ja auf der Bühne Und sogar in seiner eigenen Szene Das konnte man damals so nicht ahnen Wir waren ja damals froh, dass er irgendwann angefangen hat Im Garten mit Ameisen zu spielen

Er hat ja immer mit Ameisen gespielt, stundenlang Ich weiß ja nicht, was er da genau immer gespielt hat Das hat ja niemand so verstanden, aber er hat immer Mit Ameisen gespielt, stundenlang, tagelang Da habe ich schon auch gemerkt Dass er eine große Fantasie haben muss Aber er hat ja auch nie was davon erzählt Er wollte ja nie was erzählen, konnte er ja auch nichtSo einfach, er stottert ja, er kann ja auch nicht so einfach So erzählen wie andere, aber jetzt ist er ja Auf der Bühne, aber das ahnte man ja nicht Als er immer mit den Ameisen gespielt hat Er hat ja nicht aufgehört mit dem Spielen Er hat noch mit fünfzehn mit Ameisen und Playmobil gespielt, als andere schon Mädchen geküsst haben Aber naja, er hat sich halt ein bisschen langsamer entwickelt Das hat uns schon Sorgen gemacht, man weiß ja nicht

Was los ist, er hat ja nicht erzählt, aber naja Er hat sich halt sehr langsam entwickelt, natürlich Hat man auch den Gedanken, dass ihn halt Mädchen Nicht interessieren, nicht jetzt, dass wir gedacht haben Dass er schwul ist oder so – also, das haben wir uns natürlich Schon auch überlegt – aber eher so, dass man halt denkt Dass ihn einfach Mädchen nicht interessieren Er hat ja gespielt bis fünfzehn, mit Playmobil Ja, das war auch die Zeit, wo er doch In der Schule so schlecht war, naja, eigentlich War er in der Schule immer schlecht, er ist ja auch mal Sitzengeblieben, und da haben wir uns natürlich schon überlegt Ob Gymnasium das Richtige für ihn ist, man fragt sich dann ja auch Ob man einem Kind da nicht etwas antut, mit so was Vielleicht ist so ein Kind ja dann eher zum Handwerker geeignet

Das ist ja nichts schlechtes, nur war der Wolfi handwerklich Völlig unbegabt, und da wussten wir natürlich nicht Was jetzt richtig ist für ihn, naja, er hat die Schule ja dann geschafft Und jetzt ist er ja sogar hier, in seiner eigenen Szene…

Lotz ist am Tisch mit den Trauben angekommen. Er nimmt drei heraus und versucht, sie sich in den Mund zu stecken. Da der Mund nach wie vor nur leicht offen steht und sich nicht bewegt, gelingt es ihm jedoch nicht, die Trauben hinein zu stecken, sondern stattdessen zerdrückt er sie sich unbeholfen um den Mund herum im Gesicht.

…An einem echten Theater, das gab’s ja nicht bei uns Im Schwarzwald, Theater, da wären wir gerne mal hingegangen Mit ihm, aber das gab es ja da nicht, aber man konnte ja auch nicht wissen Dass es ihn mal interessieren würde, er hat ja immer nur Mit Playmobil und Ameisen gespielt, und er hat Sich halt immer so wenig bewegt, das hat uns schon Sorgen gemachtUnd er hat ja auch Plattfüße und eine Trichterbrust Und wir haben ihm natürlich schon immer gesagt…

Lotz nimmt mehr Trauben und versucht, sie sich in den Mund zu stecken, zerdrückt sie aber um den Mund herum in seinem Gesicht. Sein Blick wird verzweifelter.

…Setz dich aufrecht hin, aber so ein Kind, das immer Mit Ameisen spielt, das hockt natürlich immer Krumm herum, und deshalb hat er jetzt natürlich Auch diese schlechte Haltung, etwas bucklig bereits Aber im Inneren ist er ja ein ganz Lieber, das ist er wirklich Ganz sensibel ist er eigentlich, als Kind schon Hat er so viel geheult, er hat ja eigentlich auch als Jugendlicher…

Lotz reisst ungeduldig Trauben ab und zerdrückt sie verzweifelt in seinem Gesicht.

…Ständig geheult, auch heute noch, eigentlich, aber warum nicht Er ist halt kein Abgebrühter, und er hat sich halt spät entwickelt Und ich glaube schon, dass er sich inzwischen für Mädchen interessiert Also sicher kann ich es nicht sagen, aber ich glaube schon Er ist ja jetzt schon 28, aber er hat sich halt Spät erst entwickelt, aber das ist ja nicht schlimm, die einenSo, die anderen so, sage ich immer, und jetzt…

Lotz nimmt die linke Hand aus der Hosentasche, und drückt sich beidhändig Trauben in die Mundregion.

…Ist er ja hier, in seiner eigenen Szene, die hat er ja Selbst geschrieben, und ich verstehe das ja nicht so

Das moderne Theater, oder so, und wie das ist Aber ich glaube, er macht das schon ganz gut, er hat sich haltSpäter entwickelt, ja na und, aber innerlich ist er… Mit verzweifeltem Blick versucht Lotz immer hastiger, sich Trauben auf besagte Weise in den Mund zu stecken. Er zerdrückt immer größere Mengen in seinem Gesicht.

…Ein ganz Lieber, und ich freu mich natürlich Dass er jetzt hier auf der Bühne war, in einer Szene Die er selbst geschrieben hat, eine kurze Szene nur Aber immerhin, man muss daran denken, dass er sich ja… Lotz zerdückt sich wie blöde Trauben im Gesicht. An seinen Augen lässt sich ablesen, dass er völlig verzweifelt ist.

…Langsamer entwickelt hat, und es ist halt eine kurze Szene Aber immerhin, und jetzt ist sie ja auch schon fast vorbei,

Aber immerhin, das ist ja schon modern auch, so eine Szene Und ich versteh das nicht so in allen Einzelheiten Aber ich glaube, er hat das gut gemacht, diese Szene Und seinen Auftritt, aber jetzt ist sie ja schon vorbei Wolfi, jetzt ist sie ja schon vorbei

Wolfi, das war schön…

Lotz zerdrückt sich mit immer kraftloseren Bewegungen Trauben im Gesicht. Er ist inzwischen völlig bekleckert, sein Gesicht ist verzogen, als würde er gleich heulen.

…Jetzt ist es ja vorbei

Das war Deine Szene

Deine Szene, Wolfi

Hier am Theater…

Lotz versucht kraftlos, zumindest Traubenreste, die in seinem Gesicht hängen, in den Mund zu drücken, aber es misslingt.

…Jetzt ist sie ja

Vorbei, Du hast es

Geschafft, Wolfi

Sie ist ja jetzt

Vorbei.

Licht aus.

– Lesung Angewandte / Wien 2015

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