Was wir erben

„Er glaubte wirklich mein Problem sei die gewöhnliche Hemmung einer neunzehnjährigen schauspielschülerin, die Angst vor ihren eigenen Gefühlen hat, Angst vor irgendeinem imaginären Tier in ihr drin, das nicht freigelassen werden durfte. Die Vorstellung,dass man dieses Tier befreien müsse, erlösen, diese Vorstellung schien ihn anzuspornen, das machte ihm Mut. Damit lag er ganz auf der pädagogischen Linie der Schule. Vor allem wenn es sich um junge Mädchen handelte. Ich konnte den diffusen Schmerz und die Schwere die der Besuch und die Nachrichten aus der Familienhölle hinterlassen hatten einfach ersetzen, ich konnte so tun, als ob ich eine ganz normale, behütete junge Frau gewesen wäre, ich konnte meine Geschichte einfach abschütteln, indem ich tat was er sagte. Ich musste ihm einfach etwas vorspielen. komm her, befahl er mir : was siehst du da draußen? du siehst die Welt. das Wort Welt klang bei ihm wie eine Mischung aus dem englischen Wort Word und dem deutschen Wort Wild: Wöhld. Stell dich auf das Fensterbrett, befahl er mir. Ich tat was er sagte und kletterte auf den schmalen Holzvorsprung. Und jetzt leg los, sagte er ruhig, aber bestimmt. Loslegen? Womit? Text, schrie er Text jetzt sofort! Schrei es nach draußen. Ich tat es. Erst leise, dann, nach ein paar weiteren Aufforderungen zur Extase, immer lauter. Ich brüllte es heraus. Gegenüber gingen schon die ersten Fenster auf, unten auf der Straße blieben ein paar Leute stehen und sahen mir zu. ein Typ von der anderen Straßenseite riet mir damit aufzuhören. Spiel ihn an, nimm ihn sag’s ihm zischte er von hinten. Und ich tat es. Der Typ rief laut zu mir hinüber: Was für ein Dachschaden. Eine Frau von unten bellte zu mir hoch: Hilfe ob ich Hilfe brauche, ob es mir gut gehe. Ich beschimpfte sie als Verräterin, die Hilfe anböte, aber Verrat meine, ganz in meiner Rolle, die Jungfrau, die Kämpferin, die Terroristin, die Unerbittliche, die Alleingelassene. Ich erfand neue Texte, auf niemanden könne man sich in diesem Leben verlassen, man sei nur auf der Welt, um wieder von ihr zu verschwinden, wir brauchen Liebe! Wir brauchen endlich Liebe! Nieder mit den Lügen über das Leben! Plötzlich tauchten unten zwei Polizeiwagen auf. Die Polizisten sprangen aus ihren Autos und zwei von ihnen liefen ins Haus, es klingelte an der Tür. Mach auf schrie ich ihn an los geh zur Tür was wollen die schon wir machen doch nichts Verbotenes ich stehe hier und brülle ein paar Wahrheiten in den Abend, die sollen nur kommen. Der eine Polizist ein kleiner Dicker hatte seine Mütze in der Hand und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Allen in Ordnung bei Ihnen? fragte er mich. Ja alles okay. Wir proben. Theater. Das war nicht ernst. Das war Spiel, machen sie sich keine Sorgen. Wir machen und keine Sorgen, sagte der Dicke wir schauen nach dem Rechten. Die Nachbarn haben angerufen Sie sind zu laut. Was proben Sie denn da? fragte der Andere belustigt. Schiller klärte ich ihn auf. Die Jungfrau von Orleans. Das können sie ja dann demnächst bei geschlossenem Fenster proben. Der Jüngere lachte. Bitte entschuldigen Sie meinen Kollegen, er ist ein Banause. Der Dicke fand das nicht lustig, er wollte meinen Ausweis sehen. Sie sind also eine Studentin. Was studiert die Dame denn wenn man fragen darf? Schauspiel. Reinhard Seminar. Und der Herr? Der Herr ist Schauspieler. Nur hier in der Wohnung oder kann man Sie auch gelegentlich auf einer Bühne bewundern? Der Dicke kam in Fahrt. Burgtheater, sagte er, nachdem er eine sehr gekonnte Kunstpause eingelegt hatte. Der Jüngere und der Dicke schauten sich an. Burgtheater? Sie sind also Schauspieler am Burgtheater? Nicht schlecht, sagte der Dicke. Warum sagen Sie das nicht gleich? Die beiden entspannten sich. Der Dicke setzte seinen Hut wieder auf. Na dann, sagte er einfach ein bisschen leiser, wenn Sie so freundlich wären. Und lassen Sie sich nicht weiter stören, sehr interessant, Burgtheater. Habe die Ehre.“

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