Vergessen

„Ich hatte alles vergessen. Die Freude, die Schamlosigkeit, die Unbekümmertheit, die Gerüche, die Stille und die berauschenden Augenblicke, die Bilder, die Farben und die Geräusche, den Klang ihrer Stimmen, die Abwesenheit und ihr Lächeln, das Lachen und die Tränen, das Glück und die Ausgelassenheit, die Verachtung und das Bedürfnis nach Liebe, die Lebenslust meiner ersten Jahre. Doch aus dem hintersten Winkel, aus der Kälte der Einsamkeit, taucht die Vergangenheit plötzlich wieder auf. Langsam und schmerzlich gibt sie sich zu erkennen. Wie Fotos, die nichts geworden sind, auf denen die Bewegungen unscharf erscheinen, steigen heute Bilder meiner Erinnerung auf und bersten hinter meinen Mauern in Stücke. Auf den ersten Blick erschien mein ganzes Dasein schal und belanglos. Ich lebte unter Menschen, die mich nicht wahrnahmen und die ich nicht verstand. Ich existierte, weil man mich dazu gezwungen hatte. Meine Geschichte hat in der trügerischen Unschuld begonnen. Und wenn ich mich heute dazu zwinge, meine Erinnerungen Stück für Stück wieder zusammenzusetzen, dann tue ich das deshalb, weil ich inzwischen einen gewissen Abstand gewonnen und erkannt habe, dass sie die Vorzeichen einer unheilbar gewordenen Besessenheit waren. Und das ist das Wagnis, das ich heute eingehe: Ich spreche. Ich tue es aus Scham,  unter einem inneren Zwang, aus Wut, auch weil ich leide. Man schreibt, wie man tötet: Es kommt aus dem Bauch, und dann, ganz plötzlich, bricht es einem aus der Brust. Wie ein Schrei der Verzweiflung.“

– Auszug aus dem Buch „Dich schlafen sehen“ von Anne-Sophie Brasme 

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